Der letzte Versuch den 2. Weltkrieg zu verhindern – 7. Teil

Am 27. August 1939 um die Mittagszeit traf der Schwede Birger Dahlerus auf dem Londoner Flughafen ein. Dort wurde der „Privat-Botschafter“ streng abgeschirmt, damit niemand ein Foto von ihm machen konnte oder seine Identität bekannt wurde.
Noch auf dem Flughafen wurde er von seinen englischen Freunden um Lord Spencer empfangen und begann umgehend Hitlers Vorschläge in die Schreibmaschine einer Sekretärin zu diktieren, die wie folgt lauteten:
1. „Deutschland wünscht ein Bündnis mit England, was bedeuten soll, dass alle Streitfragen politischer oder wirtschaftlicher Art durch diesen Pakt ausgeschlossen werden sollen.“
2. „England soll mitwirken, dass Deutschland Danzig und den Korridor erhält, jedoch mit Ausnahme eines Freihafens in Danzig, der Polen zur Verfügung stehen solle. Polen solle außerdem einen Korridor nach Gdingen erhalten und ganz über die Stadt und ein hinreichend großes Gebiet um sie herum verfügen.“
3. „Deutschland verpflichtet sich, Polens Grenzen zu garantieren.“
4. „Über die Kolonien soll eine Übereinstimmung getroffen werden. Deutschland wünscht entweder seine Kolonien zurück oder eine Vereinbarung über zum Britischen Empire gehörige Kolonien, die Deutschland als Kompensation erhalten könne. Deutschland bedürfe gewisser tropischer Gebiete, um sich aus ihnen für die Industrie und Versorgung wichtige Rohstoffe und Lebensmittel beschaffen zu können.“
5. „Für die Behandlung der deutschen Minderheiten in Polen sollen ausreichende Garantien geschaffen werden.“
6. „Deutschland verpflichtet sich, das Britische Empire, wo immer es angegriffen werden könnte, mit seiner Wehrmacht zu schützen.“
Dieser Bericht wurde sofort an Lord Halifax weitergeleitet. Über einen geheimen Flughafenausgang und einige Umwege wurden Dahlerus zur Downingstreet Nr. 10 gebracht, wo er von Außenminister Lord Halifax, Staatsminister des Foreign Office Sir Cadogan und Premierminister Chamberlain bereits erwartet wurde.
Hitlers Vorschläge sowie die allgemeine politische Lage wurden heftig diskutiert und festgelegt, dass Dahlerus noch am gleichen Tag Hitler die Antwort der Britischen Regierung persönlich überbringen sollte. Dazu hatte Dahlerus aus Downingstreet Hermann Göring angerufen. Dieser hatte kurz mit Hitler Rücksprache genommen und diesem diplomatischen Weg zugestimmt: Die deutsche Maschine sollte Dahlerus so bald wie möglich nach Berlin zurückbringen.
Im Eiltempo wurde die Antworten verfasst. Die Briten forderten jedoch, dass die Rückreise von Dahlerus streng geheim behandelt wurde. Erneut lernte Dahlerus auswendig, diesmal die Antwortet der Briten auf den Sechspunkte-Vorschlag Hitlers.
Um 19 Uhr startete das Flugzeug von London nach Berlin: an Bord Birger Dahlerus. Gegen 23 Uhr landete die Maschine in Berlin. Göring war informiert und ließ ihn vom Flughafen abholen und in seine Residenz bringen.
Dahlerus gab Hermann Göring in der Folge die Antworten der Briten auf den Sechspunkte-Vorschlag zur Kenntnis. Und die waren für Deutschland nicht durchweg zufriedenstellend:
Punkt 1 wurde grundsätzlich begrüßt, auch Punkt 2 stand England wohlwollend gegenüber. Punkt 3 wollte England so nicht annehmen: man war der Auffassung auch Russland, Frankreich, Italien und England müssten die Grenzen Polens garantieren. Punkt 4 wurde grundsätzlich von England akzeptiert. Punkt 5 wurde in der vorgeschlagenen Form abgelehnt, jedoch zugesagt, wenn die anderen Fragen gelöst wären und Deutschland eine Demobilisierunge erkennen lassen würde, eine Lösung im beiderseitigen Interesse dazu finden zu können. Auch Punkt 6 wurde abgelehnt und dies aufs Entschiedenste – es wiedersprach dem britischen Ansehen sowie dem Ehrgefühl der Briten, sich von Deutschland helfen zu lassen
Keine überaus guten Nachrichten also für Göring, die dieser nun Hitler beibringen musste. Nach Mitternacht erhielt Dahlerus dann in seinem Berliner Hotelzimmer den versprochen Rückruf von Hermann Göring. Dessen Stimme und Stimmung verriet Dahlerus sofort, dass er bei Hitler Erfolg gehabt hatte. Hitler hatte die Antwort der englischen Regierung zwar nicht euphorisch begrüßt, deren Standpunkt jedoch vollständig akzeptiert. Es sah nach einer friedlichen Lösung aus.
Dahlerus fuhr umgehend zur englischen Botschaft in Berlin, um, wie in London vereinbart, diese über Hitlers Antwort in Kenntnis zu setzen. Die Botschaft leitete dann Hitlers Antwort umgehend in die Downingstreet Nr. 10 weiter.
Am 28. August gegen 5.30 Uhr verließ Birger Dahlerus die englische Botschaft in Berlin. Dort wurde er von einem Fahrer Görings abgeholt und zu Görings geheimen Sonderzug gebracht. Es herrschte allgemeine Freude und viel Zuversicht, sowohl bei dem umtriebigen Schweden, als auch bei Göring und seinem Generalstab.
Über den Tag hinweg wurden verschiedene Noten des 6-Punkte-Programms zwischen England und Deutschland ausgetauscht, an denen Dahlerus nicht mehr direkt beteiligt war. Der britische Botschafter in Berlin, Sir Henderson, überbrachte die Noten seiner Regierung direkt in die deutsche Reichskanzlei.
Henderson war jedoch äußerst skeptisch gegenüber der deutschen Regierung eingestellt und traute ihr nicht. Der deutsche Außenminister Ribbentrop, der von Dahlerus als Gegenspieler zu Göring angesehen wurde, hielt wiederum wenig von den Briten und versuchte die Verhandlungen zu torpedieren, Hitler hielt ihn jedoch zum Teil zurück. Zwei Gegenspieler also, die sich recht unversöhnlich gegenüberstanden, was die Verhandlungen nicht erleichterte.
Dahlerus erholte sich von den stressigen Tagen im Berliner Hotel Esplanada, als ihn der britische Botschaftsrat Forbes, den er bereits gut kannte, am Abend des 29. August 1939 anrief und um ein dringendes Gespräch bat.
Kurze Zeit später traf Forbes bei Dahlerus ein und berichtete über ein soeben beendetes Gespräch zwischen seinem Botschafter Henderson mit Hitler und Ribbentrop: Und was Forbes zu berichten hatte, war wenig Gutes!
Wie es weiterging: demnächst.




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