Der letzte Versuch den 2. Weltkrieg zu verhindern – 9. Teil

Am Mittwoch den 30. August 1939 morgens um 5 Uhr startete Birger Dahlerus von einem Militärflugplatz bei Berlin, um 9 Uhr landete das deutsche Flugzeug auf dem Kleinflugplatz Heston nahe London. Dort wurde er erwartet und über einige Wagenwechsel zum Foreign Office gebracht. Unterwegs wunderte er sich über die Sonderplakate einer Morgenzeitschrift, die verkündete: „Das geheimnisvolle Flugzeug verließ Berlin heute Morgen um 5 Uhr.“ Wie hatten die Briten davon schon wieder Wind bekommen?
Um 10.30 Uhr traf Dahlerus in Dowingstreet 10 mit Chamberlain, Halifax und Sir Horace Wilson, Chamberlains rechter Hand, zusammen. Er erstattet Bericht über das Gespräch mit Göring und legte auch Görings Polen-Karte zur Einsicht und Diskussion vor. Chamberlain war sehr verärgert über die deutsche Regierung, dennoch wollte er am Friedensprozess festhalten.
Dahlerus schlug vor, dass die englische Regierung der polnischen Regierung folgende Maßnahmen zur Deeskalation empfehlen sollte:
1. Auf deutsche Flüchtlinge oder Mitglieder der deutschen Minderheitspartei nicht zu feuern, auch wenn diese versuchen Unruhen zu erregen, sondern sie stattdessen nur in vorläufige Haft zu nehmen.
2. Von Gewalttaten gegenüber der deutschen Minderheitspartei abzusehen und auch zu verhindern, dass die polnische Bevölkerung Gewalttätigkeiten begeht.
3. Mitglieder der deutschen Minderheitspartei über die Grenzen nach Deutschland fliehen zu lassen, ohne dass diese hieran vom polnischen Militär oder sonstigen polnischen Behörden gehindert werden.
4. Eine Verschärfung der Lage durch unkluge Rundfunkpropaganda zu verhindern.
Diese Vorschläge wurden von der englischen Regierung am Nachmittag fast wörtlich an die englische Botschaft in Warschau telegrafisch weitergeleitet und von dort umgehende der polnischen Regierung zugestellt.
Birger Dahlerus berichtete Chamberlain auch von den angeblichen „großzügigen Vorschlägen“, die Hitler gerade für Polen ausarbeiten würde und die noch an diesem Tag vorgestellt werden sollten. Die Engländer erklärten sich bereit auch diesen Prozess zu unterstützen, lehnte jedoch ab das die Verhandlungen zwischen Polen und Deutschland in Berlin stattfinden sollen. Stattdessen wurde ein neutraler Verhandlungsort von den Engländern vorgeschlagen. Dahlerus rief daraufhin Göring direkt aus dem Foreign Office an um ihm dies mitzuteilen, stieß aber auf wenig Zustimmung.
Wie mit Chamberlain vereinbart trat Dahlerus am frühen Abend, nach umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen und Täuschungsmanövern, den Rückflug nach Berlin an. Gegen 23 Uhr traf er in Berlin-Tempelhof ein, wo er bereits erwartet wurde. E wurde zu Göring gebracht, der sich in seinem Sonderzug im Umfeld von Berlin aufhielt. Dahlerus berichtete Göring gegen 0.30 Uhr, der gegenüber dem Vortag in guter Laune war, über die Gespräche in London. Und er führte ganz explizit aus, dass der englischen Regierung das Vertrauen gegenüber der deutschen abhanden zu kommen drohte. Göring beschwichtigte daraufhin und teilte mit, dass Hitlers weiterhin ein einem Übereinkommen mit England interessiert sei und zudem das Angebot an Polen vorliege. Dann las er Dahlerus das von Hitler erarbeitete Polen-Angebot vor, dass dem ähnlich war, dass er Dahlerus einen Tag zuvor geschildert hatte. Zudem teilte Göring Dahlerus mit, dass am Abend ein Treffen zwischen Ribbentrop und Henderson stattgefunden haben sollte, um dem Engländer die Polen-Offerte zu übergeben. Weiter äußerte Göring, dass er leider noch keine Information über dieses Gespräch habe.
Daraufhin schlug Dahlerus vor, doch gleich Forbes in der englischen Botschaft anzurufen, um in Erfahrung zu bringen, welchen Verlauf das Gespräch genommen hat. Göring stimmte zu und Dahlerus rief Forbes an.
trusted blogs - Marktplatz für Influencer MarketingDieser wirkte am Telefon ruhig und besonnen wie immer. Doch dann äußerte er, dass das Gespräch zwischen Ribbentrop und Henderson leider sehr unglücklich verlaufen sei. Weiter führte er aus, dass Ribbentrop von Anfang an sehr abweisend, rüde und unhöflich gegenüber Henderson gewesen sei. Er hatte dann ein Papier aus seiner Jacke geholt und geäußert, dass er nun die Bedingungen für Polen verlesen werde. Henderson der zwar annehmbar Deutsch sprechen konnte, verstand von Ribbentrops Vortrag jedoch nur wenige Worte, da dieser unmotiviert und schnell seinen Text verlas, und das Schriftstück, ohne Henderson eine Kopie bereitzustellen, wieder in seiner Jacke verstaute.
Henderson ersuchte dann Ribbentrop darum, ihm diese Note auszuhändigen. Die schnöde Antwort Ribbentrops darauf sei gewesen: „Es wäre nun zu spät, die Uhr über 12 Uhr und die Frist abgelaufen, die Polen hätten mithin ihre Chance verpasst.“ Nach einem heftigen kurzen Wortwechsel hätten sich beide in sehr feindseliger Stimmung getrennt.
Schockiert legte Dahlerus den Telefonhörer nieder und berichtete Göring. Dann sagte er: Wenn Ribbentrop jede Gelegenheit zu versuchen benutzt, die Vorschläge zu einer Regelung zu sabotieren, bestehen keine Aussichten, dass Ihre und meine Versuche einen Erfolg haben können.“ Dem stimmte Göring zu.
Göring nahm es, nach Aufforderung von Dahlerus, auf seine Kappe, eine Abschrift der Polen-Note der englischen Botschaft zur Verfügung zu stellen. Doch der nächtliche Versuch der telefonischen Übermittlung verlief auf Grund von Sprachproblemen nicht zufriedenstellend.
Am nächsten Morgen, dem 31. August gegen 10 Uhr, fuhr Dahlerus in die englische Botschaft, um dem Botschafter das Schriftstück zur Weiterleitung nach London zu übergeben. Henderson empfing Dahlerus und man besprach die kritische Situation. Als Ergebnis des Gesprächs, und um eine Katastrophe zu verhindern, schlug Henderson vor, sofort mit dem polnischen Botschafter in Berlin in Kontakt zu treten. Dahlerus gefiel dieser Vorschlag nicht, er ließ sich jedoch dazu überreden. Henderson telefonierte mit dem polnischen Botschafter Lipski und teilte ihm mit, dass sogleich Botschaftsrat Forbes sowie der Schwede Dahlerus bei ihm vorstellig werden würden und bat darum die beiden unverzüglich zu empfangen.
Umgehend fuhren Dahlerus und Forbes dann zur polnischen Botschaft. Dor saß man jedoch schon auf gepackten Koffern. Zudem erweckte Botschafter Lipski nicht den Eindruck die bevorstehende Eskalation verhindern zu wollen.
Mehr dazu demnächst.




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