Hexenpflanze Bilsenkraut

Hexen und mitunter auch Hexer waren Frauen und Männer die sich außerhalb der Normen und Verhaltensgrundsätze von Gesellschaft und Kirche bewegten. Sie hatten ein Wissen im Umgang insbesondere mit Pflanzen, Tiere sowie Naturmaterialien, der im Volksglauben als Zauberei angesehen wurde. Von der Kirche wurde propagiert, dass Hexen mit Dämonen und dem Teufel im Bunde standen.
Aus diesem Volksglauben, der auf Unwissenheit begründet war, entstanden Sagen und Mythen, dann nahm sich die Dichtung und die Kunst dieser faszinierenden Mischung aus Fantasie, Aberglaube und auch Erotik an.
Der Sage nach fliegen zu Walpurgis, also in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, die Hexen auf Besen, anderen Gerätschaften oder sogar Tieren aus allen Himmelsrichtungen heran, um sich auf dem Brocken mit ihrem Herrn und Meister, dem Teufel, zu vermählen. Sie empfingen dann von Lucifer neue Zauberkräfte. Die Hexen mussten jedoch rechtzeitig, bevor die Sonne aufging, verschwunden sein, sonst waren sie dem Untergang geweiht.
Die Ursprünge des Hexenwesens kommen wohl aus der alten nordischen Mythologie und dem Naturglauben. Zum einen fällt das Walpurgisdatum auf den Beginn des nordischen Sommers, zum anderen waren bei den nordischen Völkern Frauen in Naturheilkunde und Mystik sehr versiert und genossen hohes Ansehen. Der christliche Glaube veränderte die Rolle der Frau dann grundlegend und gipfelte im späten Mittelalter sowie der frühen Neuzeit in einer beispiellosen Hexenverfolgungskampagne. Diese Hexenmanie, befördert durch die christliche Kirche, war ein echter Prüfstein für die Menschen der damaligen Zeit und brachte unvorstellbares Elend über Teile der Bevölkerung. Die wahren Ursachen für diesen Hexenwahn sind bis heute nicht hinreichend geklärt und werden zum Teil sehr konträr diskutiert. Dazu kommt, dass diesbezüglich die Quellen sehr spärlich sind.
Wer als Hexe angesehen wurde, hatte besondere Kenntnisse und Fähigkeiten, die den anderen Zeitgenossen unheimlich waren und deren Herkunft sie sich nicht erklären konnten. Ganz besonders der Umgang mit Kräutern und anderen Pflanzen war den Hexen zu eigen. Woher sie diese Kenntnisse hatten ist nicht nachweisbar; oftmals werden sie wohl über Generationen als eine Art Erbe weitergegen worden sein.
Besonders die sogenannten Hexensalben tauchen über die Jahrhunderte hinweg immer wieder in Überlieferungen auf. Jedoch woraus bestanden diese Salben? Heute wissen wir: Bestandteile waren giftige Nachtschattengewächse wie Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel sowie das Aconit des Eisenhutes. Der deutsche Pharmakologe und Toxikologe Dr. Hermann Georg Fühner (1871-1944) formulierte dazu 1925: „Es kann kein Zweifel unterliegen, dass die narkotische Hexensalbe ihr Opfer nicht nur betäubte, sondern dasselbe den ganzen schönen Traum von der Luftfahrt, vom festlichen Gelage, von Tanz und Liebe so sinnfällig erleben ließ, dass es nach dem Wiederaufwachen von der Wirklichkeit des Geträumten überzeugt war.“
Es gibt Überlieferung von „Hexen“, die solche Rauschzustände erlebt und sie als real empfunden hatten. Sie hatten sich die Hexensalbe auf die nackte Haut gestrichen und auf diese Weise wurden die narkotisierenden Extrakte vom Körper aufgenommen und konnten ihre halluzinogene Wirkung entfalten. Bemerkenswert ist die häufig fiktiv erlebte Vorstellung der Verwandlung in Tiergestalten durch die Wirkung der Salbe. Die „Hexen“ glaubten sich in Katzen, Hasen, Mäuse, Eulen, Wölfe, Gänse und anderes Getier verwandelt zu haben.
Besonders das Schwarze Bilsenkraut – Hyoscyamus niger – kam bei der Zubereitung der Hexensalbe zur Anwendung. Es kommt fast überall in Europa vor und es enthält die in geringen Mengen berauschenden, in größeren Mengen hochgiftigen Alkaloide. Die ganze Pflanze ist sehr stark giftig, besonders aber die Wurzeln und die Samen. Die Blätter sind in Mengen über 0,5 g giftig. Etwa 15 Samen sind für Kinder tödlich.
Es kann wohl angenommen werden, dass die „Hexen“ zur wirksamen aber nicht tödlichen Herstellung ihrer Salben diese testen mussten und auch Selbstversuche vornahmen. Wir wissen heute, was die Menschen in alter Zeit nicht wussten: Die im Schwarzen Bilsenkraut enthaltenen Alkaloide erregen erst die Nervenendigungen der Haut und lähmen diese anschließend. Die Frauen erlebten ihre Selbstversuche als eine von der Haut ausgehende Sinnestäuschung. Die Autosuggestion der Tierverwandlung, des aus dem Körper emporwachsenden Haar- oder Federkleides, wurde als reales Ereignis empfunden, was die Illusion der Verwandlung perfekt machte. Die „Hexen“ haben als Kräuterfrauen oder Heilerinnen diese Salben jedoch auch in der Bevölkerung angewandt. In der Volksheilkunde wurde die Hexensalbe sowie andere Pulver und Tinkturen mit den Alkaloiden des Binsenkrautes als narkotisch sowie krampflösendes Mittel eingesetzt. Auch wurden die Blätter und auch die Samen des Bilsenkrautes teilweise wegen des berauschenden Effektes geraucht, was jedoch durch den schwankenden Wirkstoffgehalt lebensgefährlich sein kann. Der Wirkstoff der Alkaloide ist auch in Opium und seinen Tinkturen enthalten. Bis zum 19. Jahrhundert wurden diese Alkaloid-Tinkturen auch als Laudanum bezeichnet und sie wurden aus den Extrakten des Bilsenkrautes gewonnen.
Die krautige Pflanze wird meist 30 bis 60 (in Extremfällen bis ca. 170) Zentimeter hoch. Die Wurzel ist spindelförmig und nach oben hin rübenförmig, der Stängel ist klebrig. Die Blätter sind länglich-eiförmig und grob buchtig gezähnt. Die unteren Blätter umfassen den Stängel, die oberen sind schmal gestielt. Bilsenkraut kann – je nach Zeitpunkt der Keimung – ein- oder zweijährig sein. Bei zweijährigen Pflanzen erscheint im ersten Jahr nur eine Blattrosette. Im darauffolgenden Jahr kommt die Pflanze dann zur Blüte. Den einjährigen Pflanzen fehlt oft der purpurne Blütenfarbstoff.
Die trichterförmige Blüte ist schmutzig gelblich weiß und violett geadert. Die Blüten sind in den Blattachseln angeordnet. Die Frucht ist eine bauchige circa 1,5 Zentimeter lange Deckelkapsel, die vom Kelch umschlossen wird. Der Samen ist graubraun, grubig vertieft und circa 1 mal 1,3 Millimeter groß. Die Blütezeit erstreckt sich im Wesentlichen über die Monate Juni bis Oktober. Besonders erwähnenswert ist zudem, dass die wärmekeimenden Samen nachweislich bis zu 600 Jahren keimfähig sind. Schwarzes Bilsenkraut wächst in Schuttunkrautgesellschaften, an Wegrändern, Mauern und so weiter. Es bevorzugt frische, nährstoff- und stickstoffreiche Sand- oder Lehmböden.
Sicherlich sind bei der Anwendung dieser Wirkstoffe durch die Kräuterfrauen Heilerfolge zu verzeichnen gewesen, dann waren die Frauen Wunderheilerinnen – ihnen war man dankbar. Ging die Behandlung jedoch schief, so kam wohl schnell der Hexenruf auf.
Von Selbstversuchen mit Bilsenkraut ist in jeder Form dringend anzuraten. Auch vom Kauf derartiger Hexensalben sowie von Hexensalbenrezepturen aus dem Internet muss wegen gravierender gesundheitlicher Risiken ebenso dringend abgeraten werden. Bei falscher Dosierung können diese tödlich sein.




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