Laktoseintoleranz

Was ist das eigentlich, diese „neumodische“ Krankheit, die mit dem schwer einprägsamen Begriff „Laktoseintoleranz“ bezeichnet wird? Wieder eine der Zivilisationskrankheiten, die es früher nicht gab?

Man könnte auch auf Deutsch Milchzuckerunverträglichkeit dazu sagen: Laktose ist ein in der Milch von Säugetieren enthaltener Zucker, abgeleitet vom lateinischen lac, Genitiv lactis Milch. Im menschlichen Körper wird der Milchzucker vom Enzym Laktase verdaut.

Alle (gesunden) neugeborenen Säugetiere bilden während ihrer Stillzeit das Enzym Laktase, dass diesen Zweifachzucker (Disaccharid) in die vom Körper verwertbaren Zuckerarten D-Galaktose und D-Glukose spaltet. Im Laufe der natürlichen Entwöhnung von der Muttermilch sinkt die Aktivität der Laktase-Bildung auf etwa 5–10 % der Aktivität bei der Geburt. Das gilt für den Menschen und alle anderen Säugetiere.

Betrachten wir nun speziell den Menschen, so ist festzustellen, dass sich die erzeugte Enzymmenge Laktase außerhalb des Säugling-Alters je nach Population unterschiedlich entwickelt. Während z. B. ein Großteil der erwachsenen mittel- und südasiatischen Bevölkerung keine Milchprodukte mehr verträgt, bereitet in nördlichen Bereichen (bei den meisten Bewohnern Europas und des Nahen Ostens oder Menschen europäischer und nahöstlicher Abstammung sowie den sibirischen und mongolischen Ethnien) die Milchzuckeraufnahme meistens bis ins hohe Alter keine Probleme.

Hydrolyse von Lactose (Milchzucker) zu Galaktose/Galactose (1) und Glukose/Glucose (2), z. B. durch eine Lactase katalysiert (Wikipedia)
Hydrolyse von Lactose (Milchzucker) zu Galaktose/Galactose (1) und Glukose/Glucose (2), z. B. durch eine Lactase katalysiert (Wikipedia)

Grund für das Versiegen der Enzymproduktion im Erwachsenenalter ist ein Gen. Doch warum ist das bei verschiedenen menschlichen Populationen so? Es ist eine evolutionäre Entwicklung von Populationen mit unterschiedlichen Ernährungsweisen. Diese Entwicklungen stehen also in direktem Zusammenhang mit der Ausbreitung der menschlichen Art sowie deren kulturellen Entwicklung.

Wenn wir nun diese Entwicklung auf dem eurasischen Kontinent betrachten, so ist es ein Ergebnis von Völkerwanderungen und folgenden spezifischen kulturellen Entwicklungen. Es ist in den mittel- und südasiatischen nach der Entwöhnung von der Muttermilch weiterhin nicht üblich, Milchprodukte in größeren Mengen als Nahrungsmittel zu verzehren.

Hingegen haben sich die Stämme, die ihren Weg in nördliche Bereiche vornahmen, ab etwa Ende der Steinzeit mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt. Die Fähigkeit Erwachsener Milch zu verdauen, hat sich demnach in Europa erst vor etwa 8 000 Jahren zu entwickeln begonnen. Mit der Viehzucht, speziell von sogenanntem Milchvieh, worunter man vorrangig Kühe sowie Ziegen und beschränkt auch Schafe versteht, begann sich auch eine neue kulturelle Besonderheit zu entwickeln: Der Einsatz von Milch und Milchprodukten als Nahrungsmittel.

Die Laktoseverträglichkeit ist somit beim erwachsenen Menschen eine stammesgeschichtlich relativ junge genetische Neuerung, wie der Mainzer Anthropologe Joachim Burger nachweisen konnte. Er hatte, gemeinsam mit britischen Kollegen, neun europäische Skelette aus der Jung- und Mittelsteinzeit (7800 bis 7200 Jahre alt) untersucht und bei der Analyse ihrer Gene entdeckt, dass keines dieser Individuen in der Lage war, Milch zu verdauen. Ein zur Kontrolle analysiertes, rund 1500 Jahre altes Skelett aus der Merowingerzeit besitzt hingegen die genetische Veränderung, so dass dieses Individuum Laktose verdauen konnte. Weitere gentechnische Analysen von Skeletten aus verschiedenen geschichtlichen Epochen stützen diese Erkenntnisse eindeutig. Der Anpassungsprozess zur Verdauung von Milch im Erwachsenenalter ist demnach ein vieltausendjähriger Prozess der Evolution, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass in der Regel Menschen, die einen langen europäischen Stammbaum haben, eine bessere Laktoseverträglichkeit aufweisen, als solche die erst vor wenigen Generationen aus milchzuckerunverträglichen Populationen zugewandert sind.

Laktoseintoleranz ist somit als Erbkrankheit anzusehen. Jedoch kann Laktoseintoleranz verschiedene Ursachen haben:

Angeborener Laktasemangel (absolute Laktoseintoleranz): Aufgrund eines Gendefektes ist die Laktasebildung stark eingeschränkt oder es kann überhaupt kein Enzym gebildet werden. Es handelt sich um eine seltene Erbkrankheit, die bereits in den ersten Tagen nach der Geburt an Durchfall erkennbar ist.

Auch gibt es den bereits geschilderte natürlichen Laktasemangel, bei Menschen die dem Säuglingsalter entwachsen sind. Zudem gibt es eine sogenannte sekundäre Laktoseintoleranz, die vorübergehend oder anhaltend sein kann und deren Ursachen sehr vielschichtig sein können.

Die Symptome bei Laktoseintoleranz können so vielschichtig sein, wie deren Ursachen, sie können jedoch immer auf den Konsum von Milch oder Milchprodukten zurückgeführt werden. Bei laktoseverträglichen Menschen wird der Milchzucker bereits im Dünndarm verarbeitet, bei laktoseintoleranten Menschen hingegen wird der Milchzucker im Dickdarm von der Darmflora vergoren. Diese biochemischen Prozesse führen zu Darmwinden und Blähungen, Bauchdrücken und -krämpfen, teilweise auch zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfällen. Es können jedoch auch unspezifische Symptome auftreten wie chronische Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Gliederschmerzen, innere Unruhe, Schwindelgefühl (Vertigo), Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Erschöpfungsgefühl, Nervosität, Schlafstörungen, Akne, Konzentrationsstörungen, eine gestörte Aufnahme von Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen usw.

Jedoch sind alle Symptome bei angeborener Unverträglichkeit erheblich schwerer als bei der natürlichen, altersbedingten. Um eine Laktoseintoleranz zu diagnostizieren gibt es eine größere Anzahl von Testmöglichkeiten. Selbsttests sind allerdings in der Regel nicht eindeutig, weshalb immer ein Arzt hinzugezogen werden sollte.

Zudem sind bisher alle Formen von Laktasemangel nicht heilbar. Die Milchzuckerunverträglichkeit ist nur durch eine entsprechende milchzuckerfreie Ernährung oder die Einnahme von Laktase zu behandeln.

Besonders die Lebensmittelindustrie ist hier sehr hilfreich und bietet vielerlei laktosefreier Lebensmittel oder auch alternative Produkte an.

Letztlich kann gesagt werden, dass Laktoseintoleranz in einem gewissen Maße eine moderne Zivilisations-Erbkrankheit ist, die besonders durch die Globalisierung und den damit verbundenen Zuzug von Menschen ohne Laktasebildung Auswirkungen zeigt. Unsere europäische Ernährung ist traditionell auf die Verwendung von Milch und Milchprodukten angelegt, was allen, die unter entsprechendem Enzymmangel leiden, Schwierigkeiten bereitet.

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