Schlagwort-Archive: Germanen

Die Suche nach dem Garten Eden, dem Paradies: Teil 3

In Genesis 3,17 steht geschrieben: Zur Frau sprach Gott: „Zahlreich will ich deine Beschwerden machen und deine Schwangerschaften. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und doch steht dein Begehren nach deinem Manne, er aber soll herrschen über dich.“

Vertreibung aus dem Paradies
Vertreibung aus dem Paradies, Gemälde von Giovanni di Paolo di Grazia, 1445

Bei der Rolle der Frau in der Gesellschaft und Familie hat sich das Christentum wohl am Judentum orientiert. Auch in der jüdischen Religion spielt die Frau eine untergeordnete Rolle.

Jedoch ist die Rolle der Frau in allen monotheistischen Religionen untergeordnet oder sogar unterdrückt und das seit etwa 3500 Jahren. Genauso alt ist jedoch auch die Gewaltverherrlichung von Mord und Totschlag, so wie es sie in keiner polytheistischen Religion gibt.

Im Alten und neuen Testament gibt es zahlreiche Bibelstellen mit frauenfeindlichen Aussagen aber auch mit gewaltverherrlichenden Schilderungen. Der Islam basiert teilweise auf den Lehren und Schriften aus Judentum und Christentum. Im Koran werden Mann und Frau gleichgestellt, doch weil Mann und Frau verschieden sind hat Gott beiden auch verschiedene Aufgaben zugeteilt. Traditionell wurde daraus dann eine Unterordnung der Frau unter den Mann.

Jedoch möchte ich mich hier nur auf die Rolle der Frau im Christentum einlassen: Der Erbsündefall wurde vom aufstrebenden Christentum rigoros genutzt, um die Vorherrschaft des Mannes zu zementieren.

Das Christentum, das seinen Ursprung im Römischen Reich hatte, begann mit dem römischen Kaiser Konstantin dem Großen im Jahr 313 n. Chr. seinen religiösen Siegeszug, nachdem der Kaiser selber zum Christentum übertrat.

Die Franken, als kulturelle Nachfolger der Römer, machten die Kirche zur Staatsreligion in ihrem Einflussgebiet. Jedoch gab es damals, als im 5. Jahrhundert das Fränkische Reich sich anschickte Europa zu dominieren, auch noch andere Völker: so die germanischen Stämme. Diese hatten keine einheitliche Religion, jedoch waren alle ihre religiösen Riten und Kulte polytheistischer Natur. Von der christlichen Kirche wurden dieser Naturglaube als Heidentum bezeichnet, unterdrückt und unter Strafandrohung verboten.

Bereits die römischen Schriftsteller beschrieben die Stellung der germanischen Frau: „Die Frauen betrachtet ein jeder als die heiligsten Zeugen, und auf ihre Anerkennung legt er den höchsten Wert. Zur Mutter, zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und ohne Zagen zählen und untersuchen diese Schläge und Stiche; auch bringen sie den Kämpfenden Speise und feuern sie an.“ (Tacitus, Germania). Und weiter formulierte Tacitus: „Manche Schlachtreihe, die schon ins Wanken geraten war und zurückflutete, brachten die Frauen … wieder zum Stehen: Sie bestürmten die Krieger unablässig mit Bitten, hielten ihnen ihre entblößte Brust entgegen und wiesen auf die unmittelbar drohende Gefangenschaft hin, die die Germanen viel leidenschaftlicher für ihre Frauen fürchten. … Den Frauen ist sogar … eine gewisse Heiligkeit und Sehergabe eigen, und deshalb achten die Männer ihren Rat und hören auf ihren Bescheid.“

Gegen diese romantisierende, schriftstellerische, tacitäische Beschreibung sprechen die Ehe und Scheidungsnormen der Leges Alamannorum. Zwar datieren sie deutlich später, dennoch können auch aus ihnen Rückschlüsse auf frühere Rechtsauffassungen gezogen werden. Pactus Alamannorum und Lex Alamannorum sind Bezeichnungen für die alemannischen Rechtsaufzeichnungen des Frühmittelalters. Sie zeigen, besonders im Vergleich des älteren Pactus mit dem jüngeren Lex klar auf, dass Ehescheidung incl. Güterstandsregelungen wahrscheinlich gängig waren. Erst mit der zunehmenden Christianisierung traten sie im Eherecht in den Hintergrund, und das Ehestrafrecht in den Vordergrund.

Dennoch wollen wir nicht von einer Gleichberechtigung reden, die bei den germanischen Stämmen zwischen Mann und Frau herrschte, zumindest nicht nach heutigen europäischen Vorstellungen. Dazu waren zum einen die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu groß. Zudem waren die gesellschaftlichen Normative andere: Es wurde auf Nachkommen, auf Erben gesetzt, und diese zu bekommen, zu versorgen, zu erziehen war Aufgabe der Frauen.

Mit Karl dem Großen wurde auch der letzte germanische Stamm – die Sachsen – unterworfen und die christliche Kirche wurde als Staatsreligion verordnet. Lange Zeit pflegten die Sachsen ihren Naturglauben jedoch weiter, die christliche Kirche war allein Machtinstrument des Königshauses und seiner Vasallen. Dennoch setzte sich der christliche Glaube – erzwungener Maßen – endgültig durch.

Die katholischen Lehren, die auf Altem und Neuen Testament aufbauten, bestimmten im Mittelalter das kulturelle und gesellschaftliche Leben und sie unterstellten die Frau – in besonderer Härte – der Herrschaft des Mannes.

Auch Luthers Reformation brachte diesbezüglich keine Änderung oder Besserung. Im Gegenteil: In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden zahlreiche Frauen – vor allem alleinstehende -, als Hexen angeklagt und bestialisch hingerichtet. Gleichberechtigung für Frauen war in einer männerdominierten Gesellschaft kein Thema. Frauen, die im 19. Jahrhundert für ihre Rechte kämpften, wurden zumeist von der Gesellschaft geächtet.

Die protestantische Kirche hat seit einigen Jahrzehnten schrittweise ihre Einstellung geändert, die katholische Kirche jedoch bis heute nicht.

Es ist daher für mich immer wieder erstaunlich, wie angeblich christlich geprägte Politikerinnen in der Öffentlichkeit für Feminismus eintreten, ohne die Rolle ihrer Kirche auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Dennoch haben wir in der Bunderepublik in den letzten Jahrzehnten mächtige Fortschritte in dieser Sache gemacht, obwohl wir noch lange nicht auf der Ziellinie sind. Die Kirche jedoch hat in Sachen Gleichberechtigung noch einen weiten Weg zu absolvieren.

Was die Erbsünde betrifft und deren christliche Auslegung, da war Deutschland vor ca. 100 Jahren schon einmal auf einem guten Weg; doch revanchistische und katholische Kräfte haben letztlich über den Fortschritt den Sieg davon getragen.

Darüber aber demnächst mehr.

 

Völkerwanderungen III – die Sueben

Karte der Eroberungen unter Hermeric und Rechila (411–448). Alexander Vigo 

Nachdem ich zuvor Völkerwanderungen in der römischen Antike behandelt habe, wende ich mich nun schwerpunktmäßig der Völkerwanderungszeit zu. Zeitlich ist dieser Begriff nicht exakt einzugrenzen, er stellt in der Historik ein Bindeglied zwischen der Antike und dem Mittelalter dar. Die Völkerwanderungszeit steht für eine Wanderbewegung vorrangig germanischer Stämme und Gruppen in Mittel- und Südeuropa. Zeitlich beginnt diese Zwischenepoche mit dem Einbruch der Hunnen nach Ostmitteleuropa um 375/376 und findet mit dem Einfall der Langobarden in Italien sein Ende. Die Völkerwanderung stellt allerdings keinen einheitlichen, in sich abgeschlossenen Vorgang dar. In der Forschung wird  dieser Zeitabschnitt sehr kontrovers diskutiert und der Begriff Völkerwanderung teilweise abgelehnt. Eine ideologisch geprägte Debatte mit Potential zur Haarspalterei: Es sollen nur Gruppen gewesen sein, die da auf der Suche nach neuen Lebensräumen waren. Jedoch ist unstrittig, dass es zum Teil sehr große Gruppen waren, mit mehreren hunderttausend Menschen. Sollen wir diese Wanderungen in Zukunft „Gruppenwanderungen“ nennen, wie bei dem Ausflug einer Schulklasse? Diese Diskussion lässt einen Vergleich zur Rechtschreibreform aufkommen: keiner wollte sie, keiner brauchte sie und zudem ist sie noch völlig misslungen. Jedoch haben sich damit einige Geisteswissenschaftler ein Denkmal gesetzt, wenn auch nur ein kleines, eines aus Pappmaschee. Mit derartigen Forschungen beschäftigt sich insbesondere ein Fachbereich der Soziologie, die Migrationssoziologie.

Diskutiert werden bis heute auch die Ursachen für diese Wanderbewegungen, die sich nicht nur auf Europa beschränkten, sondern wohl ein weltweites Phänomen waren. Mit erheblicher Sicherheit kann jedoch angenommen werden, dass diese Wanderbewegungen nicht auf politischen Ursachen begründet waren. Was bleibt also als Ursache, seine angestammte Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu ziehen. Hunger war damals, wie auch heute noch, eine bedeutende Triebfeder dafür. Wir wissen, dass ab etwa 535 die Atmosphäre erheblich abkühlte und die Niederschlagsmengen wesentlich kleiner wurden. Warum war jedoch bislang unklar. Dann fand der Vulkanologe Ken Wohletz vom Los Angeles National Laboratory Indizien dafür, dass 535 im heutigen Indonesien ein mächtiger Vulkanausbruch stattgefunden haben muss. „Dieser Ausbruch war mit Sicherheit der größte in der überlieferten Geschichte, vier- oder fünfmal größer als der Ausbruch des Tambora im Jahr 1815“, glaubt Wohletz. Über den letztgenannten Vulkanausbruch habe ich in diesem Blog bereits berichtet. Laut Wohletz ist der Krakatau ein „Nachkomme“ dieses Megavulkans, den er Proto-Krakatau nennt. Tiefenmessungen, die zwischen Indonesien und Java durchgeführt wurden, lassen auf die Existenz eines 50 Kilometer großen Kraters schließen. Zudem hat man dort Asche- und Bimssteinschichten gefunden, deren Alter die Theorie von Wohletz stützen. Im Dauerfrostboden von Grönland und der Antarktis wurden bei Kernlochbohrungen, sowie Messungen an Baumringen, weitere Indizien dafür gefunden. Wohletz geht davon aus, dass die Erde als Folge des Ausbruchs von einer 150 Meter dicken Wolkenschicht umgeben war. Die Sonneneinstrahlung wäre dadurch auf 50 Prozent herabgesetzt worden.

Wie dem auch sei, auf jeden Fall begaben sich einige germanische Stämme oder größere Gruppen von ihnen auf einen Wanderzug auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten. Einige dieser Züge setzten schon lange vor dem Jahr 535 ein, so dass die Klimakapriolen, verursacht durch den wahrscheinlichen Vulkanausbruch des Proto-Krakatau, nicht die Ursachen gewesen sein können. Dazu zählt auch die Wanderung der Vandalen, Sueben und Alanen. Über Ursachen gibt es verschiedene Theorien. Eine davon, die ich favorisiere, ist die Verdrängung durch andere Völker oder Volksstämme.

Wie ein Orkan waren im Jahr 375 n. Chr. die Hunnen in Europa eingefallen. Zunächst traf es die Goten im Osten Europas, aber auch noch weiter östlich lebende Völker wie die Alanen. Die Goten hatten dem asiatischen Steppenvolk der Hunnen, mit ihren unendlichen Reiterscharen, nichts entgegen zu setzten – ihnen blieb nur die Flucht, wenn sie überleben wollten. Einige germanische Stämme, zum Beispiel die Terwingen, aus denen sich später die Westgoten entwickelt haben sollen, suchten Schutz im Römischen Reich. Des Imperium Romanum zog sich zu dieser Zeit jedoch immer weiter zurück. Es hatte zunehmend mit eigenen, vorrangig innenpolitischen Problemen zu kämpfen, die im Jahr 395, nach dem Tod Kaiser Theodosius I., in einer Teilung in das West- und das Oströmische Reich gipfelten. Diese Teilung war auch eine politische, und sie sollte der Anfang von Ende des Römischen Reiches sein.

Die von den Hunnen vertriebenen germanischen Stämme, allen voran die Goten, lösten auf ihrer Flucht eine Art Kettenreaktion aus. Die Goten hatten unter anderem die Vandalen aus ihren angestammten Gebieten zwischen Oder und Weichsel verdrängt.

Im Folgenden möchte ich mich auf die Wanderung der Sueben konzentrieren. Archäologisch werden die Sueben zu den Elbgermanen gerechnet. Ihre Heimat war der mittel- und norddeutsche Raum zwischen Weser und Elbe, später wohl bis zur Oder; südlich begrenzt wurde sie durch die Mittelgebirge. Etymologisch leitet sich vom Begriff Sueben der spätere Stammesname der Schwaben ab. Als suebisch bezeichnete Stämme waren zur Zeit des Tacitus die Semnonen, Markomannen, Hermunduren, Quaden und Langobarden. Ob die Sueben somit eine Art germanischer Hauptstamm oder sogar ein eigens Volk waren, oder aber die genannten Stämme nur Stammesgruppen der Sueben waren, ist bisher strittig und für meine Betrachtungen auch nicht im Focus.

Am 31. Dezember 406 überquerte ein Stamm bzw. Kriegerverband mit Namen Suebi, begleitet unter anderem von Vandalen und Alanen, den Rhein vermutlich bei Mogontiacum (Mainz), wie spätantike Quellen berichten. Die Vandalen waren ein ostgermanischer Stamm, dessen Herkunft bisher nicht eindeutig geklärt werden konnte, sie siedelten wohl zu jener Zeit zwischen Oder und Weichsel. Die Alanen waren ein iranischer Stamm des Volkes der Sarmaten. Wie es dazu kam, dass diese drei weit auseinander wohnenden Stämme(Völker?) gemeinsam auf Wanderschaft gingen, entzieht sich bisher unserer Kenntnis. Das gilt auch für die Art und Weise der Flussüberquerung, ohne wohl von den Römern entscheidend daran gehindert worden zu sein. Zudem ist unklar wie groß die ziehenden Verbände waren, sie müssen jedoch sehr zahlreich gewesen sein, wie die folgenden Schilderungen zweifelsfrei untermauern. Wo dieser Tross entlang zog wurde geplündert und wohl auch gemordet: zunächst in Gallien, dann weiter in Hispanien (Iberische Halbinsel).

Vor einigen Jahren kontaktierte mich Herr Ralf Pochadt aus dem Rheinland. Er hatte einige Publikationen von mir gelesen und wollte von mir mehr über die Sueben wissen. Pochadt hat eine Ehefrau aus Asturien, was dazu führte, dass diese spanische Region zu seiner zweiten Heimat wurde. Seit vielen Jahren erforschte er die Geschichte Asturiens und war dabei auf den germanischen Stamm der Sueben aufmerksam geworden. In der deutschen Geschichtsforschung gibt es sehr wenig Erkenntnisse über diese Wanderung der Sueben (auch Sueven), sowie über ihre weitere Geschichte. Ralf Pochadt, der sehr gut Spanisch spricht, durchforstete die Bibliotheken und Archive in Asturien und recherchierte vor Ort.

Aber zurück zur Wanderung der Sueben, Vandalen und Alanen. Sicherlich war dieser Zug von Angehörigen weiterer Stämme und Völker durchmischt. Bei der Verwendung der Namen Sueben und Vandalen ist daher zu beachten, dass es sich bei den Menschen auf dieser Wanderung um bunt gemischte multiethnische Gruppen handelte, die sich auf dem jahrelangen Zug weiter untereinander vermischten. Im Jahr 409 hatte der Zug die iberische Halbinsel erreicht. Wie der portugiesische Bischof und Chronist Hydatius berichtet, kam es im Jahr 411 zu einem Föderationsvertrag zwischen den Sueben und dem weströmischen Kaiser Honorius. Die Weströmer waren anscheinend nicht in der Lage dem „Treiben der Barbaren“ Einhalt zu gebieten. Die Ansiedlung der Sueben soll demnach durch Losentscheid zustande gekommen sein: Die Sueben erhielten die römische Provinz Gallaecia als Siedlungsgebiet zugewiesen. Auch die Vandalen und Alanen hatten Siedlungsgebiet von den Römern in Hispanien erhalten, in direkter Nachbarschaft zu den Sueben. Sie zogen jedoch bald weiter nach Nordafrika, wo sie 429 ankamen, und gründeten dort das gefürchtete Königreich der Vandalen. Die Sueben siedelten sich auf dem Land an, dass sie von den Römern erhalten hatten, und nachdem die benachbarten Vandalen und Alanen weitergezogen waren gehörte ihnen das gesamte heutige Asturien. Noch im Jahr 411 wurde unter Hermerich das Suebische Königreich begründet. Wie wir heute wissen hat sich die Königsfamilie selbst als Sueben bezeichnet. Nach den historischen Quellen sollen zunächst zwischen 20 000 und 35 000 Sueben in der Provinz Gallaecia sesshaft geworden sein, vor allem Frauen und Kinder, die Anzahl der Krieger soll relativ gering gewesen sein. Die ursprünglichen Hauptsiedlungsgebiete waren die Regionen um Braga, Lugo und Astorga. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sich die Gründung des Suebenreiches schnell verbreitete und weitere Sueben und andere Stammesgruppen aus Germanien sich auf den Weg machten. Das Suebische Königreich bestand bis 585, dann wurde es von den Westgoten abhängig und später von diesen erobert und als Provinz ins Westgotenreich eingegliedert.

Nach der Schlacht am Río Guadalete (711) unterwarfen die Mauren in wenigen Jahren (711–719) die gesamte Iberische Halbinsel und vernichteten das Westgotenreich. Sie eroberten auch das gesamte Gebiet des ehemaligen Suebischen Königreichs, auf dem später das Königreich Asturien entstand. Nach der muslimischen Eroberung der Iberischen Halbinsel formierte sich jedoch zunehmender Widerstand der Einheimischen. Der lokale Anführer Pelayo (ein suebischer Adliger?) begann in den Bergen den christlichen Widerstand zu organisieren. Im Jahre 718 wählten ihn seine Anhänger zum Fürsten oder König; dieses Jahr gilt daher als Gründungsjahr des zunächst winzigen Reiches Asturien. Der Schwiegersohn von König Pelayo, Alfons I., (739–757) schuf die territoriale Grundlage für das Überleben und die weitere Expansion des Asturischen Königreichs. Den Höhepunkt seiner Macht erlangte das Königreich unter Alfons III. (866–910). In dieser Zeit hatte das Asturische Königreich auch seine größte Ausdehnung, es nahm den gesamten Nordteil der Iberischen Halbinsel ein.

Nun kommen wir zurück auf Ralf Pochadt und seine Asturien-Studien. Weil ich seine Arbeit sehr interessant fand und sie auch dazu beitragen kann, eine kleine Lücke in der Geschichte der Germanen zu schließen, habe ich ihn animiert ein Buch über dieses Thema zu schreiben. Sein Buch „Sierra del Sueve – auf den Spuren des vergessenen Königreichs der Sueven“ ist 2013 in meinem Verlag Sternal Media erschienen und hat die ISBN 978-3732299553. Pochadt fand heraus, dass die Sueben in den historischen Überlieferungen des ehemaligen Königreich Asturien, wie auch in der heutigen autonomen spanischen Gemeinschaft Asturien, keine Bedeutung mehr haben. Wie konnte es jedoch dazu kommen? Immerhin bestand das Suebenreich als selbstständiges Herrschaftsgebiet auch unter den Goten fort. Wurden die Sueben vertrieben oder über Nacht mit einer anderen Identität versehen? Bei seinen Recherchen zu diesem Thema stieß Pochadt auf eine erstaunliche Manipulation der Geschichte, die einen Erklärungsansatz dafür bietet, warum die Sierra del Sueve bis heute nicht mit der germanischen Stammesgemeinschaft der Sueben in Verbindung gebracht wird, obwohl die über Jahrhunderte gebräuchliche Bezeichnung des Monte Sueve einen Zusammenhang nahelegt. Die Sueben hatten sowohl im gotischen Reich, wie auch im nachfolgenden Königreich Asturien weiterhin erhebliche Bedeutung. Ihre Namen, ihre Traditionen, ihre Kultur – sogar ihr christlicher Glaube – wurden von den Goten schlicht übernommen und als gotisch bezeichnet. Besonders unter dem asturischen König Alfons III. wurden im 9. Jahrhundert die Chroniken am Hofe ideologisch und auch faktisch bearbeitet, um eine Kontinuität des Gotenreiches und des Asturischen Königreiches zu konstruieren. Wie so oft, orientierte sich auch in diesem Fall die Geschichtsschreibung nicht an den Fakten, sondern machtversessene Herrscher glorifizierten ihre eigene Geschichte und die ihres Geschlechtes nach ihrem Gusto, und keiner hat es gemerkt oder angezweifelt. Bis in die 70er Jahre zweifelte kaum jemand an den Chroniken des Asturischen Königreiches. Dann legten die zwei spanischen Historiker Abilio Barbero de Aguilera und Marcelo Vigil ihre Theorie über die Berbindungen der germanischen Sueben zum Gotenreich sowie zum Asturischen Königreich vor, die von Pochardts Arbeit später weiter untermauert und gefestigt wird. Dennoch hält der Historikerstreit bis heute an – besonders in Spanien werden die germanischen Sueben gern geleugnet. Geschichte wird halt von Menschen geschrieben und hält sich dabei nicht immer an Fakten.

 

Es folgt Völkerwanderungen IV. – Sinti & Roma




Völkerwanderungen II – die Langobarden

Die Wanderung der Kimbern und Teutonen von 120 v. Chr. bis 101 v. Chr. endete mit deren Untergang, wie ich in Teil I beschrieben habe.

Nach dieser ersten überlieferten Völkerwanderung germanischer Stämme, und den damit verbundenen ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen, herrschte zunächst einige Jahrzehnte Ruhe. Nachdem die Ersterwähnung der Germanen um 220 v. Chr. anscheinend nicht auf dieses Volk bezogen war, sondern vermutlich auf gallische Stämme, verwendete Julius Caesar diesen Namen nun ganz gezielt. Nachdem er in den gallischen Kriegen gesiegt hatte, kam er zunächst direkt mit linksrheinischen Germanenstämmen in Kontakt. Er baute das römische Reich bis an das linksrheinische Ufer aus. Im Jahr 55 v. Chr. überquerten die germanischen Stämme der Usipeter und Tenkterer den Rhein und fielen in Gallien ein. Es handelte sich dabei nicht um einen Zug aus Not, auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten, sondern um einen Raubzug. Zunächst versuchte Caesar die beiden Germanenstämme mit Verhandlungen zu Rom-Unterstützern zu machen. Während des Waffenstillstandes kam es zu einem militärischen Zwischenfall zwischen den Germanen und römischen Hilfstruppen. Da die Verhandlungen für Caesar wohl nicht erfolgversprechend verliefen, nutzte er diese Gelegenheit, die anwesenden germanischen Stammesfürsten festzunehmen. Dann ließ er die führerlosen Usipeter und Tenkterer unvermittelt angreifen und niedermetzeln. Nach Caesars eigenen Angaben sollten 430 00 Menschen dabei ums Leben gekommen sein, wobei die Römer keinen Toten zu beklagen hatten. Dies Angaben lassen sich wohl als Kriegspropaganda abtun und ins Reich der Legenden verweisen. Dennoch wird dieses Massaker in der Wissenschaft als frühes Beispiel für einen Völkermord gewertet. Wäre die Wissenschaft konsequent, müsste sie auch dafür einen anderen Namen finden, denn es wurde kein Volk ermordet. Es waren nur zwei Volksstämme und eine nicht unerhebliche Zahl an Überlebenden wurde über den Rhein zurückgedrängt.

Caesar sah es nach dieser Auseinandersetzung als notwendig an, in die rechtsrheinischen, germanischen Gebiete vorzudringen, diese zu erobern und dem Römischen Reich anzugliedern. Somit war er der erste römische Feldherr, der militärische Operationen, in das weitgehend unbekannten germanischen Territorium, vornahm. Es waren jedoch wohl nur Expeditionszüge, auf eine dauerhafte Eroberung musste er letztendlich verzichteten.

Nachdem er am 15. März 44 v. Chr. während einer Senatssitzung in Rom ermordet wurde, trat sein Stiefsohn Octavius seine Nachfolge an. Dieser gewann alle folgenden Machtkämpfe und errichtete eine Alleinherrschaft als Monarchie, in Form eines Prinzipats. Im Januar 27 v. Chr. verlieh der Römische Senat Octavius den Ehrennamen Augustus (der Erhabene). Augustus war somit der Begründer des Römischen Kaiserreiches, aber auch der Totengräber der Republik.

Nach Caesars Tod ließen die Einfälle der Germanen in römisches Gebiet jedoch nicht nach. Das war für Augustus wohl der Anlass eine neue Germanen-Strategie zu entwerfen. Er wollte Germanien in das Römische Reich eingliedern, eine Provinz Germania magna gründen. Die Wissenschaft ist sich uneins, ob die nun folgenden Militäraktionen Expeditionszüge oder Kriegszüge waren, und eine germanische Provinz während seiner Herrschaft schon im Aufbau war oder erst in Vorbereitung. Für meine Betrachtungen von Völkerwanderungen ist das jedoch nicht relevant.

Im Jahr 16 v. Chr. kam es dann zu einer erneuten Konfrontation. Die Sugambrer, ein westgermanischer Stamm vom Niederrhein, überschritt diesen vermutlich nördlich des heutigen Bonn und vernichtete die V. Römische Legion. Dabei erbeuteten sie zudem den Legionsadler. Dieser Kriegsakt war für Augustus Anlass, die Eroberung Germaniens voranzutreiben. Dazu sicherte er zunächst die Alpenpässe und das Alpenvorland um im Nachgang die Provinz Raetia zu gründen. Diese umfasste das nördliche Alpenvorland zwischen dem südöstlichem Schwarzwald, Donau und Inn und reichte im Süden von den Tessiner Alpen über Graubünden und einen Teil Nordtirols zu einem oberen Teil des Eisacktals. Anschließend beauftragte er seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius mit den weiteren Expansionsvorbereitungen in Germanien. Im Jahr 15 v. Chr. wurde dann das Militärlager Augusta Vindelicorum angelegt, aus dem sich später Augsburg entwickelte. 12 v. Chr. begannen die Germanenfeldzüge, die von Drusus geführt wurden. Von meiner Warte aus, waren die Drususfeldzüge als Expeditionsfeldzüge angelegt, denn es bestand wohl kein Interesse daran die Germanen kriegerisch zu unterwerfen. Auch die römischen Legionen mussten auf ihrem Marsch versorgt werden. Im Gegensatz zu den ausgewanderten Kimbern und Teutonen verfügten die Römer jedoch über Geld, das die Germanen wohl schon schätzen gelernt hatten, sowie weitere begehrte Tauschartikel. Bei diesen Feldzügen erreichte Drusus auch das Gebiet von Saale und der mittleren Elbe bei Magdeburg. Bei diesem Feldzug stürzte Drusus vom Pferd und verletzte sich derart, dass er verstarb. Sein Bruder Tiberius führte die Germanien-Strategie von Augustus fort. Während eines Feldzuges des Tiberius bis zur Elbe im Jahr 5 n. Chr. wurde dann der Stamm der Langobarden aus seiner Heimat links der Niederelbe von den Römern vertrieben. Der Grund dafür war wohl deren gefürchtete Wildheit und Kampfeslust. Die Langobarden wurden auf dem rechten Ufer der Unterelbe angesiedelt. Mit dieser Vertreibung durch die Römer nahm eine weitere große Völkerwanderung wohl ihren Anfang.

trusted blogs - Marktplatz für Influencer MarketingDurch die Niederlage der Römer in der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. wurden die römischen Expansionspläne endgültig beendet, auch die drei Germanicus-Feldzüge in den Jahren 14/15 n. Chr. änderten daran nichts mehr. Es hat den Anschein, dass die Langobarden, die sowohl in Mecklenburg, wie auch an der oberen Elbe siedelten, sich mit den Markomannen in Böhmen verbündeten. Die Quellen über die Langobarden schweigen dann bis 166 n. Chr., als sie als Teil eines Plünderungszuges in das Römische Reich einfielen, der als Markomannen-Krieg in die Geschichtsbücher einging. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen, die unter Kaiser Mark Aurel begannen, waren wahrscheinlich die Anfänge für eine schwere wirtschaftliche und politische Krise des römischen Reiches, die letztlich in dessen Untergang mündete. Nach Ende dieses Krieges im Jahr 180 n. Chr. verlagerten die Langobarden einen Siedlungsschwerpunkt in die ostelbische Altmark. Ab etwa 250 n. Chr. sind dann archäologisch als Langobarden identifizierte Bevölkerungsgruppen an der mittleren Donau – heute Niederösterreich – nachgewiesen worden.

Um 490 zogen Germanen, die in den Quellen als Langobarden bezeichnet werden, zunächst nach Mähren, dann weiter in die römische Provinz Pannonia (Westungarn). Um 510 fielen die Langobarden in das, in der Schwarzmeer-Region gelegene Herulerreich ein und vernichteten es. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass der Langobardenstamm des 6. Jahrhunderts bereits eine gemischte Bevölkerungsgruppe war, die unter dem ruhmreichen Namen weiterbestand oder aber neuformiert hatte.

Im Jahr 395 wurde des römische Reich letztmals geteilt, es entstand das Weströmische und das Oströmische Reich. Im Jahr 480 war das Weströmische Kaiserreich endgültig untergegangen und gelangte danach unter die Herrschaft der Ostgoten (ostgermanischer Stamm). Im 6. Jahrhundert versuchte der oströmische Kaiser Justinian die römische Herrschaft über die Gebiete des ehemaligen Weströmischen Reichs wiederherzustellen. Der daraus resultierende Gotenkrieg machte die oströmische Hoffnung auf eine schnelle Überwältigung der Ostgoten zunichte. Schnell wurde er zu einem regelrechten Stellungskrieg, der Massenvertreibungen, großflächige Zerstörungen, Hungerkatastrophen (538-542) und Pest (541) mit sich brachte.

552 begleiteten viele langobardische Krieger den oströmischen Heerführer Narses nach Italien, um gegen die Ostgoten zu kämpfen. In der Schlacht am Milchberg besiegten sie zusammen mit den Oströmern die Ostgoten. Dann wurden die Langobarden jedoch aufgrund ihrer Disziplinlosigkeit entlassen. Ein Teil der unterlegenen Ostgoten schloss sich daraufhin den Langobarden an.

Der nach langen Jahren errungene oströmische Sieg erwies sich bald als pyrrhisch, da Italien im Verlaufe des Krieges entvölkert wurde und die wiedergewonnenen Gebiete völlig verarmt waren. Ab 567 fielen die Langobarden, die inzwischen ein Königreich gegründet hatten, mit ihren Verbündeten in Italien ein; die Oströmer hatten diesem Angriff nicht entgegenzusetzen und kapitulierten. Die Langobarden eroberten unter ihrem König Alboin den nördlichen und mittleren Teil Italiens. Die norditalienische Stadt Pavia entwickelte sich zum Zentrum des Langobardischen Königreiches.

Die langobardische Landnahme in Italien gilt als der letzte Zug der spätantiken Völkerwanderung und mithin als ein mögliches Datum für das Ende der Antike und den Beginn des Frühmittelalters in diesem Raum.

Unter Grimoald (662–671) und Liutprand (712–744) erreichte das Langobardenreich seine größte räumliche Ausdehnung. Karl der Große eroberte 774 Pavia unter dem letzten Langobardenkönig Desiderius und ließ sich selbst zum König der Langobarden krönen. Die langobardische Sprache war um 1000 ausgestorben. Mit der Eroberung durch die Normannen im 11. Jahrhundert verlor auch der Dukat Benevent seine Selbständigkeit. Der Name „Langobarden“ ist im Namen der norditalienischen Region Lombardei (ital. Lombardia) erhalten geblieben. Die Königskrone der Langobarden war die Eiserne Krone. Zahlreiche römisch-deutsche Herrscher des Mittelalters, etwa Konrad II., Heinrich VII. oder Karl IV., ließen sich mit dieser Krone krönen, um ihren Anspruch auf Reichsitalien zu unterstreichen. Jahrhunderte später ließ Napoleon I. sich mit der eisernen Krone zum König von Italien krönen, um seine Herrschaft zu legitimieren.

Das Langobardische Königreich wurde unter den Franken dem Königreich Italien zugeschlagen und war Bestandteil des Ostfränkischen Kaiserreiches. Nach der Übernahme des Königtums durch die Ottonen wurde Italien Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Die Langobarden hatten etwa 600 Jahre kein festes Siedlungsgebiet – keine Heimat -, nachdem sie von den Römern vertrieben worden waren und zogen durch viele Gebiete Mittel-, Ost- und Südeuropas, bis sie in Norditalien eine neue Heimat fanden. Es war eine Völkerwanderung – wohl die längste, die uns bekannt ist. Die Langobarden haben auf ihrer Wanderung zahlreiche Völker beraubt, bekriegt, vernichtet und vertrieben, bis sie selbst für immer untergingen oder aber auch in anderen Völkern aufgingen.

Es folgt: Völkerwanderung III – die Sueben.