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Der Selbstmordgürtel in Indien

Baumwolle auf einem Feld
Baumwolle auf einem Feld, Foto von David Nance

Was die globalisierte und vernetzte Weltwirtschaft mitunter für traurige Blüten treibt, möchte ich im folgenden Beitrag exemplarisch darlegen.
Wir sehen, lesen, hören und reden täglich über die Immigrationswelle aus asiatischen und afrikanischen Ländern. Und viele in unserem Land sind der Meinung wir müssen diesen armen Menschen helfen, sie aufnehmen, versorgen und integrieren. Doch damit tragen wir nicht zur Lösung des „Flüchtlingsproblems“ bei, man könnte sogar davon ausgehen, dass damit das Problem langfristig nur verstärkt wird. Sich selbst ein gutes Gewissen einzureden, mag hilfreich für den einzelnen Bundesbürger sein, für die Herkunftsländer der Flüchtlinge ist es wohl eher kontraproduktiv, wenn die Starken und Gutausgebildeten ihr Land für immer verlassen.
Die eigentlichen Fluchtursachen von sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen werden zwar immer aufs Neue analysiert, Änderungen der Wirtschaftspolitik der westlichen Industrieländer gegenüber den Schwellen- und Entwicklungsländern finden dennoch kaum statt. Da führen Traktoren, Mäh- und Erntemaschinen einen ungleichen Kampf gegen Büffel, Holzpflüge und Handarbeiter. Hinzu kommen westliche Agrarsubventionen in Milliardenhöhe, die die Weltmarktpreise niedrig halten.
Und wenn dann noch die Saatgut- und Chemiegiganten dieser Welt in die globale Landwirtschaft eingreifen – ausschließlich um ihren Profit zu erhöhen und nicht um das Leben der Menschen zu verbessern -, so haben wir schnell ein humanitäres Fiasko. So beispielsweise geschehen in den mittelindischen Baumwollanbaugebieten.
Auf Grund der, in den letzten 15 Jahren, vorgenommenen Selbsttötungen, wird diese indische Region auch als Selbstmordgürtel bezeichnet.
Was war geschehen? Über Jahrhunderte hatten die Inder Naturbaumwolle angebaut. Die war angeblich nicht so ertragreich wie die gentechnische Baumwolle BT Cotton, dennoch warf der Anbau der Naturbaumwolle Gewinne ab, von denen die Bauern leben konnten. Zwar war das Leben dieser indischen Bauernfamilien bescheiden, jedoch hatten sie ihr Auskommen, wie man so schön sagt.
Dann kam der USA-Gen-Saatgutkonzern Monsanto und machten den indischen Bauern ihre Gen-Baumwolle BT Cotton schmackhaft. Der Konzern lockte mit erheblich höheren Erträgen. Die indische Regierung wurde bestochen und zwingt nun die Bauern das teure BT Cotton Saatgut zu kaufen. Natürliches Baumwoll-Saatgut gibt es nicht mehr.
Das amerikanische Saatgut ist jedoch nicht nur teuer, es ist auch gezüchtet für den Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln. Und auch die müssen die zentralindischen Bauern teuer kaufen. Aber nicht nur dass, auch die erwarteten Erträge kommen nicht. Diese Baumwollpflanzen sind auf künstliche Bewässerung getrimmt, doch die gibt es in diesen Regionen nicht. Entweder ist es zu trocken, oder aber der Monsun weicht den Boden auf. Beide Konstellationen mag die Gen-Baumwolle nicht. Bei idealen Bedingungen ist der Baumwollertrag erheblich besser als bei natürlicher Baumwolle. Doch diese Bedingungen treten nicht oft ein. Was den Bauern bleibt ist, sich zu verschulden: immer weiter, immer höher.




Diese Verschuldung hat zu einer Selbstmordserie geführt, die weltweit wohl ihres Gleichen sucht. Geschätzte 250.000 Bauern haben sich in den letzten 15 Jahren das Leben genommen: erhängt, vergiftet, erschossen oder erstochen werden die Bauern aufgefunden.
Einer von ihnen war Gajanand Gattawar: Er war verzweifelt, sah keine Zukunft mehr. Aufgehängt an einem Baum, gleich neben seinem Häuschen, in einem Wäldchen. Natürlich war die Witwe Sasi Kala traurig, mehr jedoch noch verzweifelt. Sie ist Mutter von drei Kindern und hat nichts mehr, außer Schulden. Kein Geld, keinen Mann, keinerlei Einkommen und nur so viel zu essen, dass die vierköpfige Familie nicht verhungert. Und keiner hilft ihr!
Die zentralindische Region wird mittlerweile als Selbstmordring tituliert und ein Ende ist nicht abzusehen.
Über den Syrienkrieg, bei dem bisher etwa 450.000 Menschen ihr Leben verloren haben, wird jeden Tag berichtet. Das war auch nicht immer so, erst mit dem Flüchtlingsdrama geriet dieser Krieg, der zugleich Bürger- und Religionskrieg ist, in den Fokus der deutschen Berichterstattung.
Indien hingegen ist weit weg! Inder zählen auch kaum zu den Flüchtlingen. Das Leid der Männer, die sich aus finanziellen Gründen das Leben nehmen und das ihrer hinterbliebenen Familien ist bei uns kein Thema. Die betroffenen Menschen jedoch bekriegen sich nicht aus religiösen Gründen. Sie sind friedlich und fleißig und dennoch chancenlos. Ein trauriges Geschehen, dass die Weltöffentlichkeit ignoriert. Menschen, die keine Lobby haben, die keiner unterstützt. Es wäre ein Thema für Menschenrechtler und Humanisten. Jedoch ist Indien friedlich und ganz weit weg. Und so können sich die Konzerne sowie die indischen Staatsbeamten weiter die Taschen füllen. Frei nach dem Motto: Was sind bei über einer Milliarde Menschen schon 250.000 tote Bauern. Eine Schande für die „Freie Welt“! Den Krieg in Syrien kann sie nur schwerlich beenden, den indischen Bauern hingegen eine Change zu geben, wäre wohl recht einfach, wenn man denn wollte.