Vom Islam und von Sunniten und Schiiten – Teil 5

Es gibt verschiedene Verbote, Regeln und Traditionen, die nicht ohne weiteres aus dem Koran herauszulesen sind und die für uns Europäer, die wesentlich vom christlichen Glauben geprägt wurden, schwer verständlich sind.
Dazu zählt auch das Schweinefleischverbot des Islam. Zunächst muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass auch im Judentum sowie weiteren Religionen dieses Verbot herrscht. Dass der Islam auf religiösen Grundlagen des Judentums wie auch des Christentums fußt, hatte ich bereits erläutert.
Im Islam wird nach Halāl-Fleisch unterschieden. Halāl ist ein arabisches Wort, dass mit „erlaubt“ oder „zulässig“ übersetzt wird. Es benennt alle Dinge und Handlungen, die nach islamischem Recht erlaubt oder zulässig sind. Im Koran heißt es dazu sinngemäß: Verboten ist euch Fleisch zu essen von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch und Fleisch, worüber ein anderes Wesen als Allah angerufen worden ist und was erstickt, erschlagen, zu Tode gestützt und was durch ein wildes Tier angefressen wurde – es sei denn, ihr schächtet es (rituelles Schlachten mit ausbluten von koscheren Tieren). Auch was auf heidnischen Opfersteinen geschlachtet wurde, ist für den Genuss verboten.
Reiseführer kostenlos anfordernIm Islam wird daher das betäubungslose Schlachten (mit ausbluten) traditionell praktiziert. Es gibt dazu in den verschiedenen Strömungen des Islam unterschiedliche Auslegungsformen. So sehen islamische Gelehrte das Betäuben vor dem Schlachten durchaus mit islamischem Recht als vereinbar an. Bei vielen Muslimen besteht jedoch die Angst, dass die Betäubung tödlich sein könnte und damit das Fleisch verboten sei.
Allgemein kann jedoch festgestellt werden, dass es keine einheitlichen Speisevorschriften im Islam gibt, was zu unterschiedlichen Interpretationen führt – auch die unterschiedliche Auslegung muslimischer Gelehrter zu diesem Sachverhalt vereinfacht die Sachlage nicht. Weitaus differenzierter als in den Staaten mit islamischer Leitkultur ist die Auslegung der Speisevorschriften bei Muslimen die in Europa ihre Heimat gefunden haben. Nach der Studie Muslimisches Leben in Deutschland, „halten sich 91 Prozent der Befragten Sunniten an islamische Speisevorschriften. Für Schiiten (60 Prozent) und Aleviten (49 Prozent) ist die Befolgung dieser Vorschriften weitaus weniger wichtig.
Jedoch wirft das traditionelle, betäubungslose Schächten in Deutschland zahlreiche Fragen auf. Gemäß § 17 TierSchG ist dieses in Deutschland verboten! Dennoch stellt ein Verstoß gegen dieses Gesetz in der Regel nur eine Ordnungswidrigkeit dar. Auch kann aus religiösen Gründen eine Ausnahmeregelung beantragt werden. Religion kann also Tierschutz aushebeln. Ein unakzeptabler Zustand, denn Recht kann nicht von der Religion anhängig sein – gleiches Recht für alle ist oberster Verfassungsgrundsatz.
Die Regel des traditionellen Schächtens sowie die Speiseregeln aus dem Koran, Sure 5, Vers 3, erklärt jedoch noch nicht das Verzehrverbot für Schweinefleisch.
Im 3. Buch Mose, dass sowohl Bestandteil des Jüdischen Tanach, wie auch des christlichen Alten Testaments ist, steht: „Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. […] Ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut. Ihr dürft von ihrem Fleisch nicht essen und ihr Aas nicht berühren; ihr sollt sie für unrein halten.“
Über die Jahrhunderte hinweg wurde in allen Religionen, in die die Bücher Mose Eingang gefunden haben – so auch im Islam – versucht die Unreinheit von Schweinen zu begründen. Für mein logisches und naturwissenschaftliches Verständnis jedoch recht unglaubwürdig. Dennoch muss es dafür eine Erklärung geben, die außerhalb religiöser Vorstellungen liegt.
Der moderne Erklärungsversuch des amerikanischen Anthropologen Marvin Harris ist hingegen wohl sehr realitätsnah. Er geht von ökologischen und ökonomischen Faktoren aus, denen ich zudem noch Klimaveränderungen hinzufügen möchte. Schweine haben ihren Lebensraum in Wäldern mit viel Schatten sowie Feuchtgebieten. Diese Bedingungen gingen in den Ländern Nordafrikas und Vorderasiens – die ab etwa 630 Länder des Islam wurden – ab etwa 3000 v. Chr. zunehmend zurück. Zum einen wurde durch die veränderten ökologisch/klimatischen Bedingungen der Schweinehaltung zunehmend die ökonomische Grundlage entzogen, zum anderen mussten sich die Schweine den veränderten Bedingungen anpassen. Die Menschen begannen auf anspruchslose Wiederkäuer zu setzen, denen pflanzliche Nahrung genügte, die für die menschliche Ernährung ungeeignet war. So könnte es gewesen sein!
Jedoch leben wir heute in einer modernen, technisierten Informationsgesellschaft – auch in den muslimischen Staaten sind Smartphones Artikel des täglichen Lebens geworden. Jüdische Gelehrte erkannten schon vor Jahrhunderten, dass andere Völker und Religionen Schweinefleisch aßen, ohne Schaden zu erleiden. Der Umgang der Juden mit ihren Speisegesetzen gestaltet sich heute weitaus lockerer als der von Muslimen. Diese halten nach wie vor an den alten religiösen Traditionen fest. Auch wenn sie, wie derzeit, als Flüchtlinge in Europa eine neue Heimat suchen – dem Kontinent der Schweinefleisch-Liebhaber. Das ist wohl ein eines von vielen Integrationshemmnissen. Oder wir ändern unsere Gesetzeslage, aber wollen wir das?

Demnächst: Teil 6 – Die Rolle der Frau im Islam




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